Berlin, den 11. September 2011

Offener Brief an den regierenden Bürgermeister von Berlin
Klaus Wowereit
Telefax (030) 9026-3021
Email: der-regierende-buergermeister@senatskanzlei.berlin.de

sowie den Berliner Innensenator Ehrhart Körting
Telefax: (030) 90223-2880
poststelle@seninnsport.berlin.de


Sehr geehrte Herren,

ich finde es sehr befremdlich, dass in der angeblich so weltoffenen Stadt Berlin keine Zelte als Symbol für eine offene und wohl "bedachte" Bürger*innen-Demokratie erlaubt sind.

Das Zelt ist sowohl ein Symbol der Empathie mit Flüchtlingen, die sich in den Armuts- und Kriegsregionen dieser Welt oftmals in Zeltcamps flüchten müssen als auch Symbol für eine lebendige Protestdemokratie, wie sie sich in Kairo auf dem Tahrir-Platz, in Spanien auf zahlreichen Plätzen und nun auch in Israel gebildet hat.

Desweiteren ist ein Zelt auch ein mehrdimensionales Transparent (es kann Parolen auf 4 Seiten bzw. in alle 4 Himmelsrichtungen enthalten), wie dies bezüglich der Anmeldung einer Zelt-Demonstration „für eine bedachte Demokratie“ am 26. August diesen Jahres erläutert wurde: Zelte soll(t)en  mit „Denkzetteln“ (Wünsche und Forderungen an die Demokratie) bestückt werden, um damit ausdrücken, dass wir eine Gesellschaft anstreben, in der Menschen -insbesondere Kinder - geliebt, behütet und geschützt werden sollen.

Tatsächlich ist es engagierten Bürger*innen von "Echte Demokratie Jetzt" am Alexanderplatz gelungen, Obdachlose - darunter Kinder und Jugendliche - zu integrieren und ihnen neuen Lebensmut und eine Perspektive zu geben.

Statt diese ehrenamtliche Sozialarbeit zu honorieren, wurde dieses Engagement jedoch durch z.T. willkürliche und menschenverachtende Polizeieinsätze torpediert. Die Intoleranz und Brutalität, mit der am 26.8. abends die friedliche Versammlung unter Beschlagnahmung der Zelte aufgelöst und ein junger Mann dabei grundlos geschlagen wurde, wirft nun nicht nur im Bundesgebiet Deutschlands, sondern bereits weltweit die Frage auf, ob Berlin noch als demokratische Stadt angesehen werden kann  und ob es  nicht erwägenswert wäre, internationale Wahlbeobachter*innen am 18. September zur Senatswahl zu fordern.

Da ich als Demokrat*in tolerant bin, hoffe ich auf ein baldiges beHUTsames Einlenken Ihrer Behörden  und werde mich deshalb dafür aussprechen, Ihnen noch eine Bewährungszeit zu bewilligen. Ich wäre Ihnen im Namen der Demokratie sehr verbunden, wenn Sie mich nicht enttäuschen.

Mit freundlichen Grüßen,
Alinka Seth, Berlin