Ein Brief aus Griechenland

- von einer Deutschen aus Berlin, die nach Griechenland ging und einen Europa-Pass besitzt -

Liebe Europäer*in,

ich weiß nicht, ob Dein Name Hans, Brigitte, Francois, Michelle, Mohammed, Carmelita, Manolo, Ayse oder José ist. Egal wie du heißt, dieser Brief ist in jedem Fall an DICH gerichtet. Ich hoffe, er ist Dir in die Hände geschwebt und ich hoffe auch darauf dass Dein Denken nicht von dem Vorurteil verseucht ist, dass Griechen faul und „untüchtig“(1)  sind. Denn nur vorurteilslos wirst Du mein Begehren begreifen.

Angewidert von der Flut der Erklärungen von Schäuble, Merkel, Sarkozy, Barrozo, Trichet, Ackermann, Lagarde bzw. durch Verlautbarungen von zuvielisierten Politikern, Bankern, Technokraten und weiteren Krisenmanagern und Propagandisten der Wirtschaft, Kathastrophen-Agenten der Sparbarei, die Zweifel und unsere Verzweiflung durch kalte und bürokratische Informationspolitik zubetonieren, habe ich mich entschieden, diesen Brief auf eine alte und  bewährte Art und Weise zu versenden.

Selbst wenn Du davon überzeugt bist, dass „die Griechen“ schwarze Schafe und Drohnen in Europa sind, müsstest Du doch von der gewissenlosen Leichtigkeit, mit der die Politiker verkünden, dass Sparmaßnahmen das Passepartout für die gesamte Eurozone ist, erschreckt sein. Unnachgiebige Strenge scheint das einzigst verbindende Element in diesem permanenten „Stress-Test“ zu sein, mit dem sie prahlen. Das neue GEBOT des GLAUBENS von einer Seite des Kontinentes zur anderen heißt: "Wenn die europäische Bevölkerung nicht mit hohen Steuern, Sparmaßnahmen sowie Lohnreduzierungen belegt wird, kann Europa nicht gedeihen bzw. die Wirtschaft nicht wachsen und der Finanzmarkt nicht "gesunden“.

Unsere Großeltern und Eltern haben uns ein - durch zwei mörderische Kriege - zerstörtes Europa hinterlassen und sich danach verpflichtet, ein Sicherheitsmodell mit relativen Wohlstand zu schaffen. Aber vielleicht war die Nachkriegspoltik nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln? Doch selbst die nicht wirklich stattgefundene Entnazifizierung aufgrund des „kalten“ Krieges und die politsche Teilung Europas schien das Engagement für diesen BeTrug(s)-Zweck nicht zu beeinträchtigen.  Immerhin hatten wir über einen langen Zeitraum hinweg auf europäischem Territorium kein Schlachtfeld mehr und der relativ ansteigende Wohlstand bzw. die Lohnzuwächse lullten viele von uns ein. Dass inmitten des „kalten Krieges“ auch viele „heiße“ Stellverteterkriege (2) ausgetragen wurden, die unseren Planeten und insbesondere die „Wiege der Menschheit“ (Afrika)  weiter verwüsteten und sich der 2. Weltkrieg im Nahen Osten fortsetze, wurde aus der Wahrnehmung ausgeblendet und erbarmungslos hingenommen. Wir  europäischen Marktobjekte – sowohl als Leistungsverkaufer auf der Ebene des brauchbaren Arbeitskraftmaterials sowie auch als Konsumenten - versanken im Reich der Begehrlichkeiten. Diese schrien uns - in Warenform gepresst – täglich an: „Kauft mich! Kauft mich!“ Insbesondere der männliche Teil der europäischen Industriegesellschaft wurde dazu gebracht, ein Auto besitzen zu müssen um sich „frei“ (?) fühlen können.  Doch dafür musste hart gearbeitet werden und es wurden – damals noch relativ gut bezahlte – Überstunden gemacht.. Dies brachte es jedoch mit sich, dass ein Großteil der automobilitärischen Monaden das Auto mehr achtete als das „eigene“ (?) Kind.  Aus „Krauts“ waren bereits innerhalb der Nazi-Zeit „tanks“ geworden.

Kaum war – nach dem Zusammenbruch des Ostblockes – der „kalte Krieg“ beendet, brach ein „heißer“ Krieg in Europa aus, der die  jugoslawischen Europäer mit Leid übersäte.  Denn Jugoslawien wurde aufgesplittet, die Teilrepubliken gegeneinander aufgehetzt, deren Paramilitärs bewaffnete und Serbien 1999 mittels  NATO-Luftangriffen bombardiert. Jugoslawien wurde – insbesondere durch die deutsche Außenpolitik mitsamt kriminellen Waffenschiebern  - „balkanisiert“ und aus dem Kreis der europäischen Nationen ausgeschlossen.

Doch auch außerhalb Europas wurden die Kriege im Interesse einer unmenschlichen Wirtschaft, die die Balgerei um Rohstoffe und Märkte in sich trägt und für das „Wohl“ (?) der Militarisation und des Zerstörungskapitals (der Waffenindustrie und Militärapparate) ausgeweitet und droht nun – auch unter dem Diktat der Finanzaristokratie - außer Kontrolle zu geraten: Nicht nur an den Randzonen Mitteleuropas nehmen bereits die faschistischen Pogrombanden immer mehr zu und erklären wieder Menschen zu „unwertem Leben“, wovon besonders die Roma betroffen sind, sondern auch in Italien finden - von Mafia-Gruppen inszenierte und durch faschistische Regierungspolitiker geduldete - Pogrome gegen und Morde an Arbeitssklaven aus Afrika statt.

Die deutsche Regierung treibt den Faschisierungs- und Militarisierungsprozess für die besitzende Elite und gegen die arbeitende Bevölkerung Europas – und damit auch gegen DICH ebenfalls eisern voran:

(…) Ausverkauf
Empörung hatte schon im Jahr 2010 die ursprüngliche deutsche Forderung hervorgerufen, die mit Griechenland geschlossenen Milliardenverträge über den Kauf deutscher Rüstungsgüter dürften von den Einsparungen nicht betroffen sein. Allein zwischen 2005 und 2010 hatte Deutschland an Athen Kriegsgerät im Wert von rund 2,1 Milliarden US-Dollar verkauft. Als Hauptbedrohung gilt in Griechenland ein möglicher Krieg mit der Türkei, die ihrerseits in großem Umfang mit deutschen Waffen aufgerüstet wird. Auf Unverständnis stieß auch, dass die deutsche Justiz faktisch einen Schutzschirm über Michalis Christoforakos aufspannte - einen ehemaligen Geschäftsführer von Siemens in Griechenland, der allein Auskunft über millionenschwere Schmiergelder geben könnte, die Siemens im Gegenzug für lukrative Staatsaufträge fließen ließ, nach einem milden Urteil in Deutschland allerdings in Griechenland straffrei bleibt.  (...)

Quelle und vollständiger Artikel unter: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58165

(...) Besonders für ältere Griechen ist es unerträglich, wenn ein Staat, unter dessen Rechtsvorgänger sie während des Zweiten Weltkriegs unsägliche Leiden durchmachen mussten, sich nun zum Befehlsgeber über die eigenen nationalen Belange aufschwingt. Schwerer aber wiegt die tatsächliche wirtschaftliche und politische Führungsrolle Deutschlands innerhalb der EU, aufgrund deren die deutschen Interessen bei der angeblichen "Rettung Griechenlands" im Vordergrund stehen. (...)

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58165?PHPSESSID=g0bglni14oo30iml38m1l0grc4

Dies dürfen wir alles nicht mehr hinnehmen, sondern wir müssen uns mit den kämpfenden griechischen Arbeiter*innen vereinigen. Lasst uns gemeinsam für Schuldenstreichung kämpfen und uns verantwortungsbewusst für eine menschliche Gesellschaft und Welt einsetzen!

Ich hoffe, dass meine Brieftaube bei Dir angekommen ist und auch Du ein Zeichen setzt, dass uns Menschen Hoffnung gibt. Hoffung würdest Du mir allein schon damit geben, wenn Du diesen Brief nicht achtlos zur Seite legst oder gar wegwirfst, sondern ihn Deiner Freund*in, Nachbar*in, Arbeitskolleg*in,  zum Lesen gibst und Ihr dazu kommuniziert.

Ich bin eine – noch verzweifelte - Empörte, die sich aus der Objektrolle dieses selbstmörderischen und Amok laufenden Systems befreien und der Militarisation und Menschenverachtung Einhalt gebieten möchte.


Anmerkungen:
  1. „Tüchtigkeit“ ist insbesonders für deutsche Finanzaristokraten und Politiker - insbesondere vom Schlage Thilo Sarrazins - ein sehr potent-importanter Terminus
  2. Seit dem sogenannten „Ende“ des 2. Weltkrieges bis 1988 wurden in der "3. Welt" zwischen 16 - 25 Millionen Menschen durch Kriegseinsätze getötet und viele weitere Millionen zu  sogenannten Kriegsversehrten und Krüppeln gemacht. Aus Menschen, die durch später explodierende Landminen verletzt und/oder deren Ernten durch chemisch-biologische Waffen  vernichtet wurden, wurden dahinsiechende, leidende Kreaturen ohne soziale und medizinische Versorgungsmöglichkeit. (siehe dazu u.a.: Matthies, Volker; Kriegsschauplatz Dritte Welt, München 1988, S. 128)

Oktober 2011
==============  Ende des Briefes  =============


Wie wäre es, wenn wir in Solidarität mit ihnen mitstreiken und sie dazu einladen, mit uns zusammen vor dem deutschen Kanzleramt zu protestieren und wir mit ihnen eine Versammlung machen?